Unser Fenster nach Belarus: Pässe, Exil und Widerstand – belarussische Stimmen im Gespräch

Transkript anzeigen

00:00:09: Heute ist der einunddreißigste Juli, der letzte Tag des Monats und das bedeutet dass wir im Podcast Freirede der Tatspanter Stiftung sprechen.

00:00:18: Wir blicken dorthin wo der Zugang zu Informationen immer schwieriger wird.

00:00:22: heute öffnen wir das Fenster nach Belarus.

00:00:26: mein Name ist Tigran Petrosian.

00:00:27: ich bin Journalist und leite die Osteuropa Projekte der Stiftungen Personalausweis, Freiheit und Identität.

00:00:35: für viele Belarus-Sinnen sind diese Begriffe untrennbar miteinander verbunden.

00:00:40: Seit den gefälschten Präsidentschaftswahlen im Jahr zwei Tausend zwanzig mussten viele ihre Heimat verlassen.

00:00:46: Im Exil kämpfen sie weiter gegen das Regime in Minsk, JournalistInnen, AktivistInne, KünstlerInnen Oppositionelle.

00:00:53: Auch meine heutige Gäste wurden verfolgt, verhaftet, saßen im Gefängnis oder mussten schließlich ihre Heimat

00:01:00: verlassen.".

00:01:01: Doch im Exil haben sie nicht aufgegeben.

00:01:04: Sie schreiben Bücher, gründen neue Projekte, bauen Fotoarchive auf und schaffen Räume in denen die Geschichte und Gegenwart vom Belarus sichtbar bleiben.

00:01:14: Wie lebt und arbeitet man im Exils wenn die Heimat unerreichbar scheint?

00:01:19: Was bedeutet Widerstand aus der Ferne?

00:01:22: Und doch stehen viele von Ihnen vor einem ganz praktischen Problem.

00:01:27: Ihr Ausweis ist abgelaufen oder ungültig, was bedeutet das für Ihre Leben im Exil?

00:01:34: Meine heutige Gäste waren drei Tage lang in Berlin – die Tatspantastiftung hat sie gemeinsam mit weiteren Präsidenten in die Tat eingeladen zu einem Austausch!

00:01:44: Ich grüße Sie

00:01:54: Guten Tag, ich heiße Sergei und bin belarussischer Journalist.

00:01:58: Ich habe Belarus vor mehr als fünf Jahren aus politischen Gründen verlassen.

00:02:03: Seit über vier Jahren lebe ich in Deutschland.

00:02:05: Hier

00:02:05: im Berlin habe ich die Fotoagentur Look by Media gegründet.

00:02:09: Wir stellen belarussischen Exilmedien aktuelle und historische Archivfotos mit Bezug zu Belarus zur Verfügung.

00:02:24: Guten Tag, ich heiße Aliona und ich bin Journalistin aus Belarus.

00:02:28: Seit vierenhalb Jahren lebe ich jetzt in Norwegen.

00:02:31: Momentan arbeite ich noch nicht weil ich mich im Integrationsprogramm befinde.

00:02:35: Ich lerne die Sprache und hoffe bald eine Arbeit zu finden.

00:02:44: Guten Tag, mein Name ist Maxing Snack.

00:02:47: Ich bin Jurist und außerdem Buchautor.

00:02:49: Zurzeit lebe ich im Rahmen eines Literaturstipendiums in Berlin.

00:02:53: Mein ständiger Wohnort ist jedoch Warschau.

00:02:56: Von twenty-twanzig

00:02:58: bis Ende zweitausendfünfundzwanzig war ich in Belarus inhaftiert.

00:03:02: Im Dezember zwentaunzwanzich wurde ich freigelassen.

00:03:06: Vor kurzem erhielt ich in Polen den Flüchtlingsstatus.

00:03:11: Vielen Dank, herzlich willkommen in unserem Studio der Tatspanta-Stiftung!

00:03:16: Ein zentrales Thema ist die Dokumenten wie Ausweis und Aufenthaltserlaubnis wenn es um geflüchtete Menschen unter anderem aus Belarus geht.

00:03:26: Viele belarussische Journalistinnen Autoren und Oppositionelle mussten ihrer Land verlassen oft ohne gültige Pass.

00:03:33: Maxim, Sie sind Jurist.

00:03:35: Welche Probleme beobachten sie in diesem Zusammenhang?

00:03:38: Was ist aus Ihrer Sicht derzeit besonders wichtig für Belarusien und

00:03:42: Belarussen?".

00:03:47: Nun das ist in einem europäischen Land kaum vorstellbar – dass ein Staat seinen eigenen Bürgern entweder kein Pass ausstellt oder ihn sogar für ungültig erklärt.

00:03:56: Doch genau das passiert Belarusinnen!

00:04:00: Ich wurde zusammen mit anderen politischen Gefangenen freigelassen.

00:04:04: Zwanzig Menschen aus unserer Gruppe erhielten ihre Pässe nicht zurück.

00:04:08: Mein Pass blieb in der Strafkolonie, stattdessen bekam ich eine Bescheinigung einfach aus einem Drucker ausgedruckt.

00:04:16: andere bekamen ihre Päste zurück doch nach einiger Zeit wurden diese im System für ungültig erklärt.

00:04:24: Der Staat entschied also dass diese Menschen keinen pass verdienen.

00:04:28: das sind besondere fälle.

00:04:30: Es gibt aber noch ein größeres Problem.

00:04:33: Pässe haben einen Ablaufdatum.

00:04:36: Viele Belarusinnen und Belarussen mussten nach Europa fliehen, ihre Päsze wurden noch in Belarus ausgestellt.

00:04:44: Bei manchen laufen sie nach einem Jahr ab bei anderen nach drei oder fünf Jahren Aber irgendwann laufen sie alle

00:04:50: ab.

00:04:51: Normalerweise könnte man dann zur Botschaft gehen zum Beispiel in Deutschland Und einen neuen Pass beantragen.

00:04:58: Doch nach den Ereignissen von Jahrzehnten hat die Republik Belarus ihre Gesetzgebung geändert als Repressionsmaßnahme.

00:05:06: Seitdem können Belarussinnen und Belarussen ihren Pass nur noch in Belarus erneuern.

00:05:12: Mensch mit abgelaufenem oder bald abgelaufenen Pass werden also gezwungen, ins Land zurückzukehren.

00:05:18: Ob sie danach wieder ausreisen können oder zunächst im Gefängnis landen, bleibt offen.

00:05:25: Deshalb ist das ein großes Problem

00:05:26: –

00:05:27: die Dokumente fehlen wurden für ungültig erklärt und laufen ab.

00:05:31: In allen Fällen sind sie praktisch nicht mehr nutzbar.

00:05:36: Dabei wird ein Pass für alles gebraucht zum Reisen, für die Eröffnung eines Bankkontos,

00:05:50: Vielen Dank, auch belarussische Journalistinnen die für die TATS im Rahmen unserer Osteuropa-Workshop der Tatspantastiftung schreiben haben Probleme mit gültige Dokumenten wie sie gerade beschrieben haben.

00:06:02: Einige mussten von einem Land in ein anderes gehen.

00:06:05: Sie leben also in verschiedenen Ländern Maxim sie leben in Polen Aluna in Norwegen und Sergey in Deutschland.

00:06:12: Wie ist die Situation bei Ihnen und wie haben Sie die Probleme mit den Dokumenten gelöst?

00:06:25: Ich habe das Problem mit meinen Dokumentern bisher nicht gelöst.

00:06:28: Ich besitze eine Aufenthaltserlaubnis als Freiberufler, sie läuft jedoch schon bald ab und muss verlängert werden.

00:06:34: Mein nationaler Pass ist allerdings bereits im vergangenen Jahr abgelaufen.

00:06:39: Deshalb habe ich mich in diesem Jahr an die Ausländerbehörde gewandt und die Ausstellung eines Ersatzausweises beantragt.

00:06:46: Für meinen Beruf muss sich regelmäßig in die Nachbarländer weisen, nach Polen, Litauen oder Tschechien.

00:06:52: Ich habe aus meiner Sicht ausreichend begründet warum ich mein Pass hier nicht erneuern kann.

00:06:58: Ich kann nicht nach Belarus zurückkehren weil mir dort politische Verfolgung droht

00:07:01: –

00:07:02: möglicherweise sogar eine Freiheitsstrafe wegen meiner journalistischen

00:07:05: Tätigkeit.".

00:07:07: Trotzdem erhielt ich die Antwort, dass die Behörde der Auffassung ist.

00:07:11: Ich könnte nach Belarus reisen und dort meinen Pass sicher

00:07:13: erneuern.".

00:07:15: Als Alternative wurde mir vorgeschlagen Asyl zu beantragen wenn nicht der Meinung sei politisch verfolgt zu werden.

00:07:25: Also sie sind in der Affassung da sie politisch.

00:07:31: Ich denke, dass ich im Belarus politisch verfolgt werden könnte.

00:07:34: Hier in Deutschland bin ich damit glücklicherweise bislang nicht konfrontiert worden.

00:07:39: Ich hoffe auch, dass das so bleibt!

00:07:41: Ich habe jedoch ernsthafte Gründe anzunehmen, dass wenn ich nach Belarus zurückkehre, nicht einfach mehr zurückkommen

00:07:48: kann.".

00:07:56: Maxim, können Sie dazu noch etwas sagen?

00:07:59: Was kann jetzt auf europäischer Ebene für Belarusinnen und Belarussen getan werden.

00:08:04: Gibt es konkrete Maßnahmen die ergriffen werden können?

00:08:14: Tatsächlich wurde diese Situation erst vor Kurzem nämlich Ende Juni beim Europarat behandelt.

00:08:20: Es gibt eine Resolution und Empfehlungen.

00:08:23: Darin wird festgestellt, dass der Umgang mit Pessen eine Form grenzüberschreitender Repression ist.

00:08:29: Das verstößt gegen das Völkerrecht und die Grundsätze des internationalen Rechts.

00:08:35: Der Europarat empfiehlt den europäischen Staaten deshalb entsprechend darauf zu reagieren.

00:08:41: Sie sollen dieses Vorgehen des Belarusischen Staates als Rechtswidrig ansehen und im Rahmen des Schutzes Reiseausweise und andere Dokumente ausstellen.

00:08:51: Es

00:08:51: gibt also bereits eine entsprechende Resolution und Empfehlungen.

00:08:55: Sie wurden, wenn ich mich nicht irre am neunzwanzigsten Juni oder ungefähr zu diesem Zeitpunkt verabschiedet.

00:09:01: Das Dokument ist auf der Website zu finden.

00:09:04: Allerdings handelt es sich um ein Dokument auf europäische Ebene.

00:09:08: Es muss nun noch in jedem einzelnen Land umgesetzt werden – sowohl in Polen als auch in Deutschland.

00:09:15: Natürlich gibt es dafür bürokratische Verfahren Und natürlich gibt es derzeit insbesondere wegen des Krieges in der Ukraine einen starken Zustrom von Menschen aus verschiedenen Staaten, die europäische Dokumente benötigen.

00:09:29: Auch bei ihnen laufen Dokumete ab und müssen verlängert werden.

00:09:33: Das

00:09:33: wichtigste ist jedoch dass diese Situation auf europäischer Ebene bereits rechtlich bewertet wurde.

00:09:39: Ich hoffe das die Staaten diese Empfehlungen in nahezukunft umsetzen werden.

00:09:44: ich wünsche mir Dass das möglichst schnell geschieht.

00:09:48: Aluna, wie ist Ihre Situation?

00:09:55: Glücklicherweise ist mein Pass bis heute noch gültig und er wird auch einige Jahre gültigt sein.

00:10:00: Ich brauche ihn allerdings nicht, weil ich in Norwegen Schutz erhalten habe wie einige meiner belarussischen Landsleute die in den vergangenen Jahren ebenfalls Schutz bekommen haben.

00:10:09: Unsere Belarusischen Pässe werden eingezogen.

00:10:11: stattdessen erhalten wir eine Aufenthaltserlaubnis in Form einer Karte und einen Reiseausweis.

00:10:17: Mit diesen Dokumenten kann ich mich in Europa frei Und genau das tue ich auch.

00:10:30: Vielen Dank!

00:10:31: Lassen Sie uns über Ihre Arbeit sprechen, sie alle sind beruflich miteinander verbunden.

00:10:36: Sie arbeiten als Journalisten und Fotografen.

00:10:39: Sie schreiben ebenfalls ein Buch Maxim.

00:10:42: Das Thema bleibt Belarus.

00:10:43: worauf konzentriert sich ihre Arbeit?

00:10:45: der Zeit.

00:10:46: Sie sind jetzt in Berlin und nehmen an einem Literaturstipendium teil.

00:10:50: Was

00:10:53: ist das für ein Buch?

00:10:56: Meine Situation ist so, dass ich viele Bücher geschrieben habe.

00:10:59: Ich war die meiste Zeit den Einzelhaft

00:11:01: –

00:11:01: ich hatte sehr viel Zeit und nur wenige Beschäftigungsmöglichkeiten.

00:11:05: Das Schreiben von Büchern war eine davon.

00:11:09: Ich hatte mehr als achtzehn Bücher begonnen!

00:11:11: Die meisten davon waren bereits fertig.

00:11:14: Bei meiner Deportation wurden sie doch beschlagnahmt, als ich aus Belarus zunächst in die Ukraine und später nach Polen gebracht

00:11:20: wurde.".

00:11:23: Aber Sie haben diese Bücher noch schreiben können?

00:11:26: Wurden Sie veroffentlich oder wie

00:11:30: ist

00:11:30: das?".

00:11:32: Die Situation ist nun folgende – Als ich noch im Untersuchungsgefängnis war also vor dem Prozess konnte ich ein Buch schreiben Geschichten aus dem Gefängnis.

00:11:43: Es gelangte aus dem Gefängnis heraus und wurde in verschiedenen Ländern in sechs Sprachen veröffentlicht, darunter auch in Deutschland.

00:11:50: Der Soekampfverlag hat das Buch herausgegeben – das war ein Glücksfall!

00:11:55: Alles was ich danach schrieb entstand während der vollständigen Isolation.

00:11:59: Ich hatte keinerlei Kontakt zur Außenwelt.

00:12:02: Alles was sich in meiner Zelle schrieb lieb im Gefengnis.

00:12:05: Als ich freikam, hatte ich jedoch eine Art Gedächtniskarte.

00:12:08: im Kopf sind diese Bücher nur noch Bruchstückhaft gespeichert, jetzt versuche ich sie zu rekonstruieren.

00:12:16: Ein Buch habe ich bereits rekonstriert – es heißt Colonisten.

00:12:21: Jetzt arbeite ich während der Residenz an einem Roman mit dem Titel «Die Gefangenen der IEF».

00:12:28: Ich hoffe dass die Residenze erfolgreich endet und ein zweites Buch aus meinem Gedächtnis

00:12:32: entsteht.".

00:12:35: Ich möchte nur daran erinnern, dass diese Möglichkeit durch die Förderung der Tatspanta-Stiftung geschaffen wurde.

00:12:42: Wir freuen uns sehr da sie zugestimmt haben und in die LCB Residenz am Wahnsinn in Berlin gekommen

00:12:48: sind.".

00:12:49: Es gibt jedoch einige wichtige Punkte, die Sie angesprochen haben.

00:12:53: Sie haben die Bücher doch damals anders geschrieben.

00:12:56: Jetzt rufen sie den Text aus ihrer Erinnerung ab, entstehen dabei neue Formulierungen oder verändert sie die Handlung inzwischen?

00:13:07: Natürlich verändert sich etwas – das Gedächtnis ist nicht vollkommen!

00:13:11: Und jeder Mensch verändert sich mit jedem Tag seines Lebens.

00:13:15: Natürlich würde ich gern genau das Manuskript zurückbekommen, dass damals dort entstanden ist.

00:13:21: Denn es war ein besonderer seelischer und psychischer Zustand!

00:13:24: Ich denke, es wäre interessant diese Texte zu lesen – zumindest für mich selbst.

00:13:29: Aber wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben.

00:13:32: Ich danke der Tatspanta-Stiftung, dass sie mir diese Möglichkeit gegeben

00:13:35: hat.".

00:13:36: Das literarische Kolokwym in Berlin ist wirklich ein inspirierender Ort.

00:13:41: Und selbst wenn der Text nicht ganz mit dem übereinstimmt, was ich damals geschrieben habe, hoffe ich dass er besser wird als das, was unter Bedingungen der Haft entstanden ist.

00:14:06: oder arbeiten sie inzwischen ausschließlich mit ihrem Archiv.

00:14:10: Denn der Zeit ist es sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sich in Belarus mit dokumentarischem Fotografie zu

00:14:16: beschäftigen.".

00:14:22: Ich möchte nicht für Belarus sprechen weil ich nicht dort bin.

00:14:33: Wahrscheinlich arbeiten sie an langfristigen dokumentarischen Projekten.

00:14:37: Denn jede Dokumentation des Geschehens ist ein historisches Dokument, ich halte das für sehr wichtig!

00:14:44: Ich glaube dass wir eines Tages viele spannende Geschichten sehen werden die von den Belarusinnen und Belarusen festgehalten wurden die geblieben sind und ihre Arbeit in Belarus fortsetzen.

00:14:55: Ja, ich verfüge über ein großes Archiv das sich über viele Jahre im Belarus aufgebaut habe.

00:15:01: Dazu gehören auch die Aufnahmen und Kroniken der revolutionären Ereignisse von zwei Tausend Zwanzig und Einundzwanzig.

00:15:08: Außerdem besitzen Kolleginnen und Kollegen, die das Land verlassen haben und mit mir zusammenarbeiten ebenfalls umfangreiche Archive.

00:15:16: Deshalb haben wir beschlossen uns zusammenschließen.

00:15:20: So können Belarusische Medien aktuelle und vielfältige Bilder erhalten, die nicht schon unzählige Male verwendet wurden und ihre Berichterstattung besser ergänzen.

00:15:30: Ich

00:15:31: wünsche mir, dass die Leserinnen und Leser sowohl in Europa als auch im Belarus keine austauschbaren und keine alten Fotos sehen, die bereits unzähle Male veröffentlicht

00:15:40: wurden.".

00:15:41: Sie sollen ein modernes und authentisches Belarus sehen, so wie es tatsächlich ist.

00:15:47: Wir müssen verstehen dass sich trotz allem was in Belarus geschieht kein eiserner Vorhang über das Land gesenkt hat.

00:15:53: Die Menschen gehen weiterhin einkaufen bestellen Essen kaufen Kleidung und versuchen ihr Leben zu leben.

00:15:59: die Frage ist nur unter welchen Bedingungen Und wie sie das tun?

00:16:04: Belarus war immer Teil Europas.

00:16:06: Es ist ein Teil Europers Geblieben Und ich glaube, das Land möchte auch in Zukunft zur Europäer gehören.

00:16:12: Trotz aller Entwicklungen, die es durchmacht – genau dieses Ziel verfolgen wir.

00:16:18: Wir möchten dass Belarus auch visuell und fotografisch Teil des europäischen Kontextes bleibt.

00:16:31: Das Belarus-Teil des europäischen Kontexts bleibt?

00:16:34: Natürlich stimme ich zu!

00:16:36: Ich denke, wir tun alles was wir können auch wenn wir uns nicht im Belarus aufhalten können.

00:16:41: Wir können hier sein und gleichzeitig an Belarus denken über Belarus schreiben über Belarus sprechen und alles dafür tun dass wir so bald wie möglich nach Belarus zurückkehren können.

00:16:56: In Berlin, aber auch in ganz Deutschland so wie in Polen und Litauen gibt es eine große Belarusische Diaspora.

00:17:03: In Norwegen und allgemein in Skandinavien ist das anders.

00:17:07: Was suchen Sie dort?

00:17:08: Erzählen sie uns alle.

00:17:10: Sie haben gesagt dass für Sie die Integration jetzt besonders wichtig ist.

00:17:21: Tatsächlich waren meine ersten Jahre in Norwegen ziemlich schwierig.

00:17:25: Meine Dokumente waren von der Migrationsbehörde noch nicht geprüft worden und ich musste selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen, es gab keinelei Unterstützung.

00:17:33: das war sehr schwer.

00:17:34: Schwierig war's im Alltag aber auch im Umgang mit der Bürokratie.

00:17:38: Es war wirklich sehr schwer.

00:17:40: Inzwischen ist aber alles sehr gut.

00:17:41: Ich habe mich bereits an das Wetter gewöhnt, auch an die Lebensmittel – an die Gläsern, Tomaten aus den Gewächshäusern und an die langen Gurken, die ich in Belarus nie gegessen habe.

00:17:49: Also so ist jetzt alles in

00:17:50: Ordnung.".

00:17:52: Nun geht es nur noch darum mein Platz zu finden!

00:17:54: Zum Glück sind viele meiner Notizen und Fotos seit Jahrzehnten geblieben.

00:18:00: Wie wohl jede Journalistin habe ich interessante Momente fotografiert und mir Notizen gemacht.

00:18:04: Deshalb bin ich bereit darüber zu erzählen.

00:18:07: Viele sagen zu mir «Schreib ein Buch».

00:18:09: Vielleicht sogar mehr als eins.

00:18:11: Aber um ein Buch zu schreiben, muss man jemanden finden der es veröffentlichen möchte.

00:18:15: Eine Veröffentlichung auf eigene Kosten kann ich mir derzeit leider nicht leisten.

00:18:20: Mein Traum ist es in einem norwegischen oder europäischen Medium zu arbeiten.

00:18:23: Ich möchte über die Lage in Osteuropa berichten Nicht nur über Belarus sondern auch über die Ukraine und Russland Und vielleicht können wir auf Grundlage unserer Materialien eines Tages eine Enzyklopädie über Belarus in diesen Jahren herausgeben, denn wir haben vielen Menschen viel zu erzählen.

00:18:45: Vielen Dank, eine Frage an Maxim.

00:18:46: Maxim Sie sind Jurist und waren der Anwalt viele Oppositionspolitikerinnen.

00:18:52: Viele von Ihnen leben heute ebenfalls im Exil verteilt auf verschiedenen Länder.

00:18:58: Manchmal sind unsere Erwartungen an diese Politikern vielleicht sehr naiv.

00:19:03: wir wünschen uns dass sie sich zusammenschließen und noch mehr tun aber vielleicht fehlen ihnen dafür einfach die Möglichkeiten.

00:19:10: Ist es naiv zu glauben, dass die belarussische oppositionelle Politikerin immer noch mehr leisten müssten?

00:19:22: Nun der Mensch hofft immer auf das Beste und er wünscht sich, dass jemand anderes etwas tut damit er selbst nicht tun muss.

00:19:30: Aber ich denke, dass politikerinnen im Exil zwar durchaus Gewicht haben Doch um die belarussische Gemeinschaft in Mexil zusammenzuhalten, braucht es den Einsatz jedes Einzelnen.

00:19:43: Tatsächlich gehörten zu meinen Mandanten und zu den Menschen mit denen ich im Jahr ist, auch Victor Barbarico, Maria Kalasnikova, Svetlana Tyranowskaya zusammengearbeitet

00:19:56: habe.

00:19:56: Ich weiß dass jeder von ihnen heute alles tut was er oder sie für möglich hält und richtig hält, und um auch an jene Belarusen zu denken, die im Land geblieben sind.

00:20:11: Denn wir sind zwar viele in Europa aber noch mehr Belarussen leben weiterhin in Belarus.

00:20:17: Es ist sehr wichtig zu verstehen was mit ihnen geschieht und wie wir ihnen helfen können – auch von den europäischen Ländern

00:20:25: aus.

00:20:29: Das bleibt ebenfalls eine große Frage.

00:20:31: Vielleicht können Sie uns erzählen, wie sie sich das vorstellen?

00:20:35: Wie kann man den Menschen helfen die im Land geblieben sind und sich gegen das Staatsapparat wehren?

00:20:44: Wenn wir über naheliegende Lösungen sprechen gibt es ein Problem.

00:20:48: Das Regime geht aktiv gegen jede Hilfe vor, die von außen kommt.

00:20:52: Programme für Praktiker, Bildungsangebote oder finanzielle Unterstützung etwa zur Förderung talentierter junge Menschen geraten sehr schnell ins Visier.

00:21:02: All das kann als Extremismus eingestuft werden.

00:21:05: Die

00:21:06: Finanzierung von Extremismus bringt strafrechtliche Risiken sowohl für die Empfänger also auch für die Geldgeber.

00:21:13: Deshalb muss man verstehen dass es keine einfachen Lösungen gibt.

00:21:17: Man kann nicht einfach Geld an jemanden überweisen, der es in Belarus braucht.

00:21:21: Dafür müssen neue Strukturen geschaffen werden – die es früher vielleicht nicht gab!

00:21:27: Es gibt viele gute Initiativen, die Belarusien unterstützen.

00:21:30: Doch über den größten Teil ihrer Arbeit sprechen sie verständlicherweise nicht öffentlich.

00:21:35: Denn sobald Einzelheiten bekannt werden, folgt sofort eine Reaktion und diese Reaktionen ist immer dieselbe –

00:21:42: Strafverfahren,

00:21:43: Festnahmen, Untersuchungsaft.

00:21:50: Vielen Dank.

00:21:51: Sergey, möchten Sie etwas ergänzen?

00:21:57: Ich

00:21:57: denke es ist sehr wichtig die unabhängigen Medien zu unterstützen nicht weil ich Journalist bin sondern weil die Medien für Menschen in Belarus das letzte einigermaßen zugängliche Fenster zur Welt geblieben sind Sei es über soziale Netzwerke, Podcasts, Instagram oder Online-Plattformen die darüber berichten was in und um Belarus geschieht.

00:22:19: Sie erzählen dass Belarus kein Teil Russlands und kein Russland untergeordneter Staat ist.

00:22:25: Dass Belarus ein eigenständiges Land mit eigener Geschichte, eigener Kultur und einer eigenen Sprache ist, die sich vom russischen unterscheidet und dass wir eine vollwertige europäische Nation sind, die lediglich in diese Situation geraten ist.

00:22:39: Wir

00:22:40: sehen jedoch, dass die Unterstützung für Medien im Exil zurückgeht – wir beobachten, das auch das Interesse an Belarus und an den Themen rund um Belarus nachlässt.

00:22:51: Wenn die Menschen in Belarus keine objektiven Informationen mehr erhalten, besteht leider die Gefahr, Das wäre nicht nur für die Bella Russen ein großes Problem, auch wenn sie natürlich zuerst betroffen wären.

00:23:07: Sondern für ganz Europa!

00:23:09: Man muss verstehen dass die russische Propaganda äußerst aktiv arbeitet.

00:23:15: Über

00:23:15: viele Jahre hat sie ihre Möglichkeiten und ihren Einfluss immer weiter ausgebaut.

00:23:20: Es gibt Menschen, die ausschließlich mit dieser Propagandas aufgewachsen sind.

00:23:25: es gibt Menschen die unter Lukoschenko geboren wurden und nie etwas anderes kennengelernt haben.

00:23:31: Sie haben keine Alternative erlebt.

00:23:33: Nachdem die belarussischen Behörden, die unabhängigen Medien nach Jahrzehnte in Nexil gedrängt hatten, verloren die Menschen in Belarus ihre objektiven Informationsquellen und nachdem die Unabhängige Medien kriminalisiert worden waren gerieten auch ihre Nutzer in Gefahr.

00:23:50: Trotzdem zeigen die zahlreichen Verfahren gegen Menschen, die verbotene Telekram-Kanäle abonniert haben dass es im Belarus viele Menschen gibt, die wissen wollen was wirklich geschieht.

00:24:01: Die Belarusen wollen nicht ausschließlich Propaganda oder staatliche Medien konsumieren.

00:24:06: Wenn wir den unabhängigen Medien die Unterstützung entziehen, spielen wir damit vor allem der offiziellen Russischen und Belarusischen Propagandas in die Hände.

00:24:15: Und das beschleunigt leider nicht die Demokratisierung von Belarus sondern seine Auflösung im russischen

00:24:21: Herrschaftsraum.".

00:24:26: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

00:24:29: Das Podcast-Format erlaubt mir noch eine letzte Frage, sie ist manchmal auch ein wenig persönlicher.

00:24:36: Was werden Sie im August machen?

00:24:38: Da diese Podcast immer am letzten Tag des Monats erscheint haben Sie schon Pläne für den August?

00:24:44: vielleicht schreiben Sie das nächste Buch oder vielleicht machen Sie einfach Urlaub.

00:24:49: Allona!

00:24:55: Im August beginnt für mich das neue Schuljahr und ich werde wieder zur Schule gehen.

00:24:58: Alles wird seinen gewohnten Gang gehen.

00:25:01: Ich denke, es wird genauso sein wie im vergangenen Monat – lernen, lernen und noch mehr lernen!

00:25:05: Und natürlich werde ich weiterhin regelmäßig mit meinen Belarusischen Freunden und Verwandten telefonieren.

00:25:10: Ich werde Ihnen erzählen, dass es für Belarusien in Europa viele Perspektiven gibt.

00:25:15: Außerdem werde ich Ihnen wahrheitsgemäße Nachrichten weitergeben, denn wie Sergei schon sagte, können Sie die Telegram-Kanäle nicht lesen.

00:25:23: Deshalb werde ich meine Freundin Belarus telefonisch darüber informieren was wirklich

00:25:27: geschieht.".

00:25:31: Das wird vielleicht der nächste Schritt sein, Miedenarbeit per Telefon in dem man Freunde informiert.

00:25:38: Genau!

00:25:39: Vielleicht ist das tatsächlich der nächste Schritt eine neue Form der Weiterentwicklung?

00:25:43: Denn anders geht es nicht – Sie können die Nachrichten ja nicht lesen.

00:25:48: Und die Behörden werden das nicht mithören, so funktioniert es dann doch irgendwie.

00:25:55: Ich glaube nicht, dass Sie derzeit WhatsApp-Telegramm oder andere Messenger abhören.

00:25:59: Es gibt Signal und noch einige andere Online-Dienste.

00:26:02: Wahrscheinlich können wir auf diesem Weg etwas weitergeben – zumindest so lange bis sich die Behörden etwas Neues einfallen lassen um uns abzuhören.

00:26:13: Vielen Dank, Alyona!

00:26:14: Sergey, was steht bei Ihnen im August im Kalender?

00:26:20: Vor allem Arbeit.

00:26:22: Wir sind eine kleine Redaktion und möchten unseren Veröffentlichungsrhythmus beibehalten, ob das gelingt hängt allein von uns ab.

00:26:30: Wenn es möglich ist würde ich gerne ein wenig aussparen.

00:26:34: Ein Urlaub fehlt mir wirklich sehr.

00:26:36: Zum Glück erinnert mich Berlin sehr an einen Ort in Belarus, an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

00:26:42: Polotsk.

00:26:44: Dort gibt es ebenfalls viele Seen Und auch hier in Berlin gibt es viele Sehen.

00:26:49: Man kann einfach an einem See fahren und sich am Wochenende eine kleine Pause gönnen.

00:26:53: Also arbeiten ja aber hoffentlich auch ein wenig Erholung.

00:27:02: Im Moment sieht mein August im Kalender genauso vielversprechend aus, wie der Juli vor etwa einem Monat aussah.

00:27:08: Damals schien es als hätte ich viel freie Zeit!

00:27:11: Ich dachte sogar dass sich vielleicht nicht nur ein sondern mehrere Bücher würde konstruieren können doch die Erfahrung zeigt das immer wieder.

00:27:18: neue Termine.

00:27:19: dazu kommen Begegnungen Veranstaltungen und Ereignisse die man ebenfalls nicht verpassen kann weil sie wichtig sind.

00:27:27: Ich denke, der August wird also genauso verlaufen wie der Juli.

00:27:31: Einerseits werde ich mir sehr viel vornehmen, andererseits werde am Ende auch sehr viel geschafft haben –

00:27:36: nur

00:27:36: eben etwas ganz anderes als das was sich ursprünglich geplant hat.

00:27:41: So ist es auf dem Bahn der freien Welt!

00:27:43: Man kann nur schwer planen und selbst freie Zeit hat ihre Probleme.

00:27:51: Besser so natürlich.

00:27:57: Vielen Dank, ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg.

00:28:01: Bei mir zu Gast waren Maxim Snagg, Anwalt Jurist und Autor, Sergei Balai, Journalist & Fotograf in Berlin sowie Allona-Journalisten aus Norwegen.

00:28:13: Wir freuen uns über jede Spende mit der Sie diesen Podcast unterstützen – vor allem aber helfen sie damit unabhängige und kritische Stimme aus Belarus zu stärken und ihre Arbeit auch im Exil möglich zu machen!

00:28:27: Wiedersehen und tschüss!

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.