Unser Fenster nach Russland: Russland wählt im Krieg

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00:00:09: Heute ist der einunddreißigste August, der letzte Tag des Monats und das bedeutet dass wir im Podcast Freirede der Tatspanner Stiftung sprechen.

00:00:19: Wir blicken dorthin wo der Zugang zu Informationen immer schwieriger

00:00:22: wird.

00:00:23: heute öffnen wir das Fenster nach Russland.

00:00:26: mein Name ist Tigram Petrosian.

00:00:28: ich bin Journalist und leite die Osteuropa Projekte der Tatzpanter Stiftungen.

00:00:34: vom achtzehnte bis zwanzigste September wählt Russland ein neues Parlament.

00:00:39: Doch was bedeuten Wahlen in einem Land, in dem politische Konkurrenz weitgehend ausgeschaltet ist und das seit Jahren Krieg gegen die Ukraine führt?

00:00:50: Darüber spreche ich heute mit Arnold Chachaturow Redaktor bei der Nowe Gazeta Europa.

00:00:57: Wir sprechen darüber, warum der Kremel diese Wahlen braucht über den Ausschluss der oppositionellen Partei Jabloko die Rolle von Putins Partei eigenes Russland und die zunehmende Präsenz von Kriegsveteranen in der Politik.

00:01:13: Wir fragen – was kann die russische Opposition im Exil noch bewirken?

00:01:18: Wie realistisch ist eine neue Mobilisierungwähle nach den

00:01:22: Wallen?".

00:01:31: Guten Tag Arnold.

00:01:33: Was bedeuten Wahlen im heutigen Russland überhaupt noch?

00:01:37: Kann man sie weiterhin als Walen bezeichnen oder erfüllen Sie inzwischen eine ganz andere politische Funktion?

00:01:52: Guten Tag!

00:01:54: Ich würde sagen, dass man Wahlen in Russland schon seit Langem nicht mehr als wahlen im klassischen Sinne westlicher Demokratien bezeichnen kann.

00:02:02: Also aus einem politischen Wettbewerb bei dem die Wähler eine Entscheidung treffen und Parteien wählen, die ihre politischen Überzeugungen vertreten.

00:02:11: All das gibt es in Russlands aus verschiedenen Gründen schon lange nicht mehr.

00:02:15: Erstens unterscheiden sich die ideologischen Positionen der Parteien, praktisch nicht voneinander.

00:02:27: Die Unterschiede sind so gering, dass sie in einem westlichen Land wahrscheinlich eher Strömungen innerhalb einer einzigen Partei wären.

00:02:35: Eine klassische Aufteilung im rechten Link, Grüne und so weiter existiert in Russland – praktisch nichts mehr!

00:02:42: Die Menschen wählen deshalb eher aufgrund persönlicher Sympathien ästhetischer Referenzen oder anderer Überlegungen.

00:02:49: Ideologisch ist das Angebot weitgehend dasselbe.

00:02:54: Zweitens ist die politische Eigenständigkeit des russischen Parlaments äußerst gering.

00:03:00: Wir haben dazu vor Kurzem eine Untersuchung durchgeführt und analysiert, welche Gesetze in die Staatsdummer eingebracht und wie sie verabschiedelt werden.

00:03:09: Dabei sehen wir dass immer mehr Gesetzen praktisch ohne Diskussion beschlossen werden.

00:03:15: Die durchschnittliche Beratungszeit über ein Gesetz liegt mittlerweile bei ungefähr einer Minute Und diese Zeit wird mit jeder Legislaturperiode kürzer.

00:03:25: Es gibt also praktisch keinen Raum mehr für politische Auseinandersetzung oder Widerspruch.

00:03:31: Gleichzeitig werden immer mehr Gesetze von außen initiiert, von der Exekutive der Regierung oder dem Präsidenten und selbst Gesetzen die formal von Abgeordneten eingebracht werden sind zu einem erheblichen Teil von der Präsidialverwaltung initiiert oder vorbereitet worden.

00:03:50: Andere Abgeordnete vertreten als Lobbyisten die Interessen großer Industrie- oder Finanzgruppe.

00:03:56: Die Interessen der eigenen Wähler stehen dabei jeweils nicht an erster Stelle.

00:04:01: Drittens würde ich die massive Einschränkung des politischen Wettbewerbs nennen, wobei Einschrankung eigentlich zu schwach formuliert ist.

00:04:10: Es handelt sich um die weitgehende Beseitigung politischer Konkurrenz.

00:04:15: Dieser Prozess zieht sich durch die gesamte Amtszeit Vladimir Putins hat sich aber nach dem Beginn der groß angelegten Invasion erheblich beschleunigt.

00:04:27: Der Krieg bietet einen hervorragenden Vorwand, um das politische Feld endgültig zu säubern.

00:04:33: Der bislang letzte Schritt war die Verweigerung der Zulassung der Partei Jabloko.

00:04:39: Jablokko nimmt seit Anfang der neunzehntneinziger Jahre an russischen Walenteil, vertrat mehr oder weniger liberale Werte und war zugleich – anders als etwa die Anhänger Alexey Navalnyes und andere oppositionelle Kräfte eine systemische Partei.

00:04:56: Sie versuchte sich weitgehend innerhalb des russischen Rechtsrahmens zu bewegen, selbst als dieser zunehmend repressiv wurde.

00:05:04: Heute ist der Mangel an unterschiedlichen politischen Positionen und an Möglichkeiten mit seiner Stimme überhaupt noch eine Meinung auszudrücken so groß dass selbst Diablokov – eine Partei die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten keine besonders hohe Popularität hatte von den Wahlen ausgeschlossen wurde nachdem sie zunächst zugelassen worden war.

00:05:27: Offenbar geschah das, weil ihre Umfragewerte plötzlich und für die Behörden unerwartet deutlich stiegen.

00:05:35: Das wurde als reale Gefahr wahrgenommen.

00:05:38: Damit ist selbst für den kleinen liberal eingestellten Teil der russischen Bevölkerung praktisch keine Möglichkeit mehr geblieben sein Unmut durch eine Wahlentscheidung auszudrücken.

00:05:51: was wir heute sehen?

00:05:52: es deshalb im Grunde die Simulation eines Wahlprozesses.

00:05:57: Solche Wahlen finden zum Teil einfach deshalb statt, weil es sie schon immer gegeben hat.

00:06:03: Fast alle heutigen autoritären Regime verfügen über irgendeine Form von Wahlen.

00:06:09: Kein Autokrat möchte offen sagen er sei ein Tyrann der die Macht an sich gerissen hat.

00:06:15: Alle berufen sich auf irgende eine Form des Wählerwillens oder tun zumindest so.

00:06:22: Auch Vladimir Putin erklärt sich bislang nicht zu Monarchen obwohl er faktisch eine entsprechende Stellung einnimmt.

00:06:31: Er kann sich noch nicht einfach zum Zaren erklären, deshalb finden Wahlen statt.

00:06:39: Zugleich sind sie ein nützliches rhetorisches Instrument.

00:06:42: Putin kann sich beispielsweise mit Volimir Zelensky vergleichen und darauf verweisen dass in der Ukraine aufgrund des Kriegsrechts und des Krieges keine Wahlenstatt finden.

00:06:55: Die russische Propaganda nutzt dieses Argument häufig, um Zelenskis Legitimität infrage zu stellen.

00:07:02: Und so behaupten mit ihm könne man deshalb keine verbindlichen Vereinbarungen oder Friedensverhandlungen führen.

00:07:10: Putin dagegen lautet die Darstellung werde gewählt und auch das russisch Parlament werden gewählt.

00:07:16: Damit soll der Eindruck einer funktionierenden Demokratie entstehen.

00:07:23: Arnold, Sie haben damit eigentlich schon sehr viele meine Fragen beantwortet.

00:07:28: Ich möchte aber bei einem Punkt bleiben den sie gerade angesprochen haben.

00:07:33: Es sind die ersten Wahlen zur Staatsduma seit Beginn des Krieges.

00:07:37: Sie haben gesagt dass die Wahlen unter anderem dazu dienen Legitimität herzustellen und den Vergleich mit Zelensky zu ermöglichen.

00:07:45: kann man sagen das damit auch der Krieg die Repressionen und die Zäsur in Russland legitimiert werden soll.

00:07:57: Zum Teil ja, es geht auch darum zu zeigen alles ist normal.

00:08:01: Alles geht seinen gewohnten Gang.

00:08:04: in Russland findet weiterhin ein Wahlprozess statt.

00:08:08: natürlich hat sich die Situation verschlechtert aber wenn man ehrlich ist gibt es gegenüber den vorherigen Wahlen zwei tausend einen zwanzig keinen völlig dramatischen Bruch.

00:08:19: die Sensur ist heute noch härter.

00:08:22: Noch weniger Parteien werden zugelassen Die Repressionen sind stärker und die Begründungen für den Ausfluss von Parteien teilweise noch absurder.

00:08:32: Der politische Wettbewerb hat also weiter abgenommen, war bereits im Jahr zwanzig war er äußerst gering.

00:08:40: einiges Russland verfügte über eine Verfassungsänder der Mehrheit obwohl die Partei seit mehr als zwanzich Jahren an der Macht ist.

00:08:49: Der bestehende Trend hat sich also vor allem weiter verstärkt.

00:08:54: Die entscheidende Frage ist allerdings Ob die Wahlen tatsächlich dazu beitragen können, den Krieg in den Augen der russischen Bevölkerung zu legitimieren.

00:09:04: Denn die äußeren und inneren Bedingungen sind derzeit ausgesprochen angespannt.

00:09:09: Meine Einschätzung nach befindet sich Russland möglicherweise In der schwierigsten Situation seit Beginn des Krieges wenn man vom ersten Kriegsjahr und vielleicht vom Aufstand Prigoshins absieht.

00:09:23: Die Widersprüche innerhalb der Eliten und der Gesellschaft haben sich stark zugespitzt.

00:09:28: Deshalb ist keineswegs sicher, dass ein erneuter Sieg von einiges Russland den Krieg tatsächlich legitimiert – möglicherweise passiert sogar das Gegenteil.

00:09:39: Aus gelegten Informationen wissen wir, die Präsidialverwaltung, die in Russland im Grunde als politisches Büro fungiert und für das gewünschte Ergebnis sorgen soll Ihre Zielvorgaben für das Ergebnis von einiges Russland mehrfach nach unten korrigiert hat.

00:09:58: Verschiedene Medien, darunter Medusa haben darüber berichtet.

00:10:04: Denn wenn man ein Ergebnis ausweist dass zu hoch ist und zu stark von der tatsächlichen Stimmung in der Gesellschaft abweicht kann das die Menschen eher provozieren und die Stabilität untergraben anstatt Legitimität zu schaffen.

00:10:18: Die russischen Polit-Technologen und Vladimir Putin bewegen sich hier also auf dünnem Eis.

00:10:29: Der Kremel verfügt offenbar über zahlreiche Kontrollmechanismen, sind diese Wannen zugleich ein Loyalität-Test für das gesamte System?

00:10:40: Prüft die Führung beispielsweise, ob Gouverneure und regionale Behörden noch in der Lage sind, die gewünschte Ergebnisse zu liefern?

00:10:53: Ich denke ja.

00:10:54: Malen sind auf die eine oder andere Weise ein Moment, in dem die gesamte bürokratische und administrative Maschinerie mobilisiert wird.

00:11:03: Dabei wird natürlich auch überprüft, inwieweit die Präsidialverwaltung weiterhin Kontrolle über die Regionen und über die dortigen politischen Prozesse besitzt.

00:11:13: Funktioniert, die sogenannte Machtvertikale noch.

00:11:18: Diese Machtvertikle funktionieren natürlich auch außerhalb von Wahlperioden aber Wahlen sind eine Art Prüfung für die regionalen Eliten.

00:11:26: Sie müssen zeigen dass sie ihre Aufgaben erfüllen können Und darf außerdem nicht vergessen das es nicht nur um die Wahlen zur Staatsduma geht.

00:11:35: In Russland findet gleichzeitig ein einheitlicher Wahltag statt.

00:11:40: Es werden auch zahlreiche Regionalparlamenten sowie mehrere Gouverneure gewählt.

00:11:46: Auch auf regionaler Ebene versuchen die lokalen Eliten deshalb, sich zu beweisen.

00:11:51: Sie haben ihre eigenen Zielvorgaben – etwa dafür wie viele Stimmen einiges Russland erhalten soll.

00:11:59: Vor allem soll es keine Überraschungen geben.

00:12:03: Selbst der Sieg einer anderen System treuen Partei beispielsweise der kommunistischen Partei kann für das System bereits ein Problem darstellen.

00:12:13: Aus

00:12:13: der Vergangenheit kennen wir entsprechende Fälle, in der Region Shabarovsk gewann unerwartet einen Kandidat der Liberaldemokraten die Gouverneurswahl und landete später im Gefängnis.

00:12:26: Das war eine erhebliche Erschütterung für das system.

00:12:30: Insofern sind die Wahlen tatsächlich eine Prüfung dafür ob die regionalen Eliten die Situation weiterhin unter Kontrolle haben.

00:12:39: Gleichzeitig erleben wir auch auf regionaler Ebene einen Niedergang des politischen Wettbewerbs.

00:12:45: Untersuchungen von Wahlexperten zeigen, dass die Konkurrent dort inzwischen ein historisch niedriges Niveau erreicht hat.

00:12:53: Es gibt rekordverdächtig wenig Kandidaten sowohl für Regionalparlamente als auch bei Governeurswahlen.

00:13:01: Viele Menschen versuchen gar nicht mehr zu kandidieren.

00:13:05: Wer davon ausgeht, ohnehin keine Chance zu haben oder nicht zugelassen zu werden reicht seine Kandidatur gar nicht erst ein.

00:13:14: Auch die Zahl der Registrierungsanträge ist es hat außergewöhnlich niedrig.

00:13:18: Politische Spannung oder echte Ungewissheit gibt es kaum noch – sofern ich etwas völlig Unerwartisses passiert.

00:13:30: Wird die Neustadt Duma stärker militarisiert sein?

00:13:33: Was bedeutet es, wenn immer mehr Teilnehmer des Krieges und Vertreter der Sicherheitsstrukturen in die Politik kommen?

00:13:41: Der Kreml bezeichnet Kriegsveteran als neue Elite.

00:13:45: Entsteht hier tatsächlich ein neu politischer Elite oder handelt er sich vor allem um ein rein propagandistisches Bild?

00:13:56: Meiner Meinung nach ist das eher Letzteres!

00:13:59: Es handelt sich vor allem um ein Bild, das für Propaganda und zur Aufwertung dessen eingesetzt wird was in Russland als sogenannte militärische Spezialoperation bezeichnet wird.

00:14:12: Das ist ein geeignetes Motiv für Plakate – Militärangehörige werden als Helden präsentiert die nun Abgeordnete werden.

00:14:20: Vladimir Putin sagt häufig gerade diese Menschen seien die wahren Patrioten.

00:14:26: Nicht die Beamten, die in ihren Büros im Kreml oder anderswo sitzen.

00:14:30: Sondern diejenigen, die mit der Waffe in der Hand das Land aus seiner Sicht gegen den Feind verteidigen.

00:14:37: Genau diese Menschen sollen zunehmend in die Machtstrukturen gelangen.

00:14:42: In der Realität sehen wir allerdings dass darum zwar sehr viel PR gemacht wird Die tatsächlichen Zahlen aber deutlich geringer ausfallen.

00:14:51: Bei den Vorwahlen von einiges Russland waren relativ viele Kriegsteilnehmer vertreten.

00:14:57: Doch je weiter der Auswahlprozess voranschreitet, desto kleiner wird ihr Anteil.

00:15:02: Bei den vorwahlen sind es Hunderte auf endgültigen Listen und noch Dutzende.

00:15:07: Und tatsächlich in die Staatsdummer einziehen werden vermutlich weniger.

00:15:12: Soweit ich mich erinnere stehen auf der endgültigen Liste von einiges Russland ungefähr siebzig Kandidaten, die am Krieg teilgenommen haben.

00:15:22: Auf regionaler Ebene ist es einfacher, Veteranen in Parlamente zu bringen selbst wenn sie dort keine große Unterstützung besitzen.

00:15:30: Insgesamt sehen wir aber bislang nicht das Kriegszeilnehmer zentrale Machtposition im Staat übernehmen und selbst wenn viele Veteraninnen der Staatsduma oder in Regionalparlamenten sitzen sollten würde ich das nicht unbedingt als Übernahme zentraler Entscheidungspositionen bezeichnen.

00:15:51: Das Parlament ist in Russland ohnehin kein zentraler Ort politischer Entscheidungen.

00:15:56: Da sitzen noch viele Sportler, Prominente oder Vertreter des Show-Businesses.

00:16:01: Wenn man Russen fragt was die Abgeordneten eigentlich machen werden viele darüber lachen.

00:16:07: Manche Abgeordnete erscheinen kaum zur Sitzung Oder wissen nicht genau über welche Gesetze sie eigentlich abstimmen.

00:16:15: Ein Mandat kann eher eine Art prästisch trächtiger Versorgungsposten sein.

00:16:20: Es macht jemanden öffentlich sichtbar, bietet Privilegien und es ermöglicht zugleich zu sagen, dass im Parlament viele Patrioten vertreten sein.

00:16:30: Auf diese Weise kann der Krieg als eine Art sozialer Aufstiegskanal dargestellt

00:16:36: werden.".

00:16:42: Sie haben zu Beginn über Jablogo gesprochen – die Partei mit einer Antikriegsposition, die nicht zu den Wahlen zugelassen wurde.

00:16:51: Was kann die russische Opposition im Exil unter diesen Bedienungen überhaupt noch tun?

00:16:56: Kann sie noch Einfluss nehmen oder wäre das eine unrealistische

00:17:00: Vorstellung?".

00:17:04: Offen gesagt glaube ich nicht, dass die rossische Opposition im Exile das Ergebnis dieser Wahlen beeinflussen kann.

00:17:11: Das bedeutet aber nicht, daß sie gar nichts tun sollte.

00:17:15: Erstens weiß man nie genau was passiert.

00:17:17: Es besteht immer eine gewisse Möglichkeit eines unerwarteten Ergebnisses.

00:17:23: Wenn sich die Behörden ihrer Sache zu sicher sind, kann manchmal etwas nicht nach Plan laufen.

00:17:28: Kandidaten, die ursprünglich als loyal gegenüber der Staatsmacht galten können unter bestimmten Bedingungen ihre Position verändern.

00:17:36: Überraschung sind also nicht völlig ausgeschlossen.

00:17:40: Deshalb sollte man meiner Ansicht nach versuchen an Wahlen teilzunehmen.

00:17:45: Hinzu kommt, dass sich die Situation von Region zu Region unterscheidet.

00:17:50: Trotz massiver Fälschung ist es nicht überall wie in Tschetschenchen wo Stimmen faktisch vollständig erfunden und durch administrativen Zwangszustande kommen können.

00:18:01: Es gibt Regionen in denen man vergleichsweise freier abstimmen kann.

00:18:06: Auch das ist ein Argument für eine Beteiligung.

00:18:10: Für die Opposition sind Wahlen außer dem eine Gelegenheit zur politischen Mobilisierung.

00:18:15: Viele dieser Menschen leben seit vier, fünf oder noch mehr Jahren im Exil.

00:18:20: Sie haben keinen direkten Zugang mehr zu den Wählern in Russland und viele haben ihre politische Infrastruktur verloren.

00:18:28: Das geschah nicht freiwillig.

00:18:29: diese Strukturen wurden zerschlagen.

00:18:33: Gerade die verbliebene Zivilgesellschaftliche und politische Infrastruktur war eines der Hauptziele der Repressionen regionale Büros Aktivisten und Menschen die Wahlkampf oder politische Arbeit organisieren konnten.

00:18:47: Heute kann man für solche Aktivitäten sehr schnell im Gefängnis landen.

00:18:52: Wahlen bieten deshalb zumindest die Möglichkeit, neue Taktiken und Strategien zu diskutieren und darüber zu sprechen was in Russland überhaupt geschieht.

00:19:01: Sie geben den Unzufrieden außerdem eine gewisse Sichtbarkeit Beispielsweise Aktionen, bei denen Menschen mit oppositionellen Ansichten versuchen ungefähr zur gleichen Zeit etwa um zwölf Uhr wählen zu gehen.

00:19:16: Nicht weil sie glauben dadurch das Wahlergebnis verändern zu können sondern damit sie einander sehen können ohne etwas zu tun dass nach russischem Recht als illegal betrachtet werden könnte.

00:19:29: es geht darum zu erkennen ich bin nicht allein.

00:19:34: auch das kann wichtig sein.

00:19:37: In solchen Phasen wird außerdem die Diskussion innerhalb der russischen Opposition konkreter.

00:19:42: Normalerweise gibt es dort viele Konflikte und Auseinandersetzung, während einer Wahl entsteht zumindest stärker das Gefühl an einer gemeinsamen Sache zu arbeiten und einen gemeinsamen Gegner zu haben.

00:19:57: Dabei gibt es unterschiedliche Strategien.

00:20:00: Einige fordern ein Walbeukott, wobei das eher eine Minderheitenposition ist.

00:20:05: Andere, darunter Julia Navalnia schlagen vor für jede Partei außer einiges Russland zu stimmen um das Ergebnis der Regierungspartei möglichst zu schwächen.

00:20:18: Zuvor hatte sich die Opposition relativ geschlossen hinter Jabloko gestellt.

00:20:24: Möglicherweise hat diese Unterstützung Jablokko am Ende sogar geschadet – das wissen wir nicht!

00:20:30: Denn wenn die Exilopposition jemanden innerhalb Russlands unterstützt, können die russischen Sicherheitsbehörden genau das als Argument gegen diese Person oder Organisation verwenden.

00:20:43: Sie stehen auf einer Seite mit denjenigen, die das Land verlassen haben und von den Behörden als Verräter bezeichnet werden.

00:20:53: Kurz gesagt es ist vielleicht kein echtes Fenster der Möglichkeiten aber es ist ein Moment in dem sich das politische Leben etwas intensiviert.

00:21:02: Und es liegt nicht nur an den Wahlen, es hängt auch mit anderen Entwicklungen zusammen – Internetabschaltung, Probleme bei der Benzinversorgung und der sinkenden Zustimmung zu einem langwierigen Krieg dessen Ende nicht absehbar ist.

00:21:17: Unter diesen Bedingungen sind die Wahlen zumindest eine Möglichkeit, sich in irgendeiner Form am politischen Leben des Landes zu

00:21:24: beteiligen.".

00:21:29: Kommen wir zu einer Frage, die vermutlich viele Menschen besonders beschäftigt.

00:21:34: Wie realistisch ist eine neue Mobilisierungswähle nach den Wallen?

00:21:44: Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzung.

00:21:46: In letzter Zeit kursieren sehr viele Gerüchte über eine mögliche Mobilisierung.

00:21:51: Es gibt auch einige indirekte Hinweise.

00:21:54: So wird beispielsweise von verstärkten Aktivitäten auf militärischen Übungsplätzen berichtet, die auf die Aufnahme einer größeren Zahl von Menschen vorbereitet würden.

00:22:05: Außerdem soll es vermehrt Stellenangebote für Fachkräfte im Bereich der Militärischen Erfassung geben – auch das könnte auf Vorbereitung hindrücken.

00:22:16: Hinzu Komedienberichte, die sich auf Quellen berufen und denen zufolger in solches Szenario von der Präsidialverwaltung geprüft werden.

00:22:25: Es gibt also durchaus Gründe für Befürchtung.

00:22:29: Und man sieht, dass die Menschen in Russland sehr sensibel auf solche Gerüchte reagieren und sie ernst nehmen.

00:22:36: Einige informieren sich bereits über Flugtickets andere denken darüber nach Russland vorsorglich zu verlassen oder Unterkünfte im Ausland zu buchen.

00:22:45: Auch entsprechende Suchanfragen im Internet nebenzu.

00:22:48: es gibt eine gewisse Nervosität.

00:22:51: Auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, dass ein Teil dieser Gerüchte möglicherweise gezielt verbreitet wird.

00:22:59: Panik in Russland kann beispielsweise auch für die ukrainische Seite von Vorteil sein weil die Ukraine verschiedene Mittel nutzt um die russische öffentliche Meinung gegen den Krieg zu beeinflussen.

00:23:12: Hinzu kommt die militärische Frage.

00:23:14: ich bin kein Militärexperte aber nach dem was ich von Experten höre ist nicht klar, ob eine neue große Mobilisierung militärisch überhaupt den gewünschten Effekt hätte.

00:23:26: Der gegenwärtige Krieg ist stark durch den massiven Einsatz von Drohnen und vergleichsweise kleine Kampfgruppen geprägt.

00:23:34: Die Art von Angriffen mit sehr hohem Personaleinsatz wie wir sie in den ersten Kriegsjahren etwa bei Mahmoud gesehen haben scheint heute weniger häufig vorzukommen.

00:23:47: Deshalb ist fraglich auf die Mobilisierung Von weiteren hundert oder zweihunderttausend Menschen, die militärische Lage für Russland grundlegend verändern würde.

00:23:58: Die politischen Kosten dagegen wären sehr hoch!

00:24:02: Die erste Mobilisierung hat deutliche Spuren hinterlassen und Unzufriedenheit hervorgerufen.

00:24:07: Damals befand sich Russland erst im ersten Kriegsjahr.

00:24:11: Inzwischen dauert der Krieg wesentlich länger – und die russische Gesellschaft reagiert deutlich negativer auf alles was unmittelbar mit dem Belastung des Krieges verbunden ist.

00:24:23: Meine persönliche Einschätzung lautet deshalb, die Wahrscheinlichkeit einer neuen Mobilisierung liegt derzeit möglicherweise unter fünfzig Prozent.

00:24:33: ich glaube eher dass es nicht dazu kommen wird aber dieses Szenarie wird offenbar geprüft und ausschließen kann man das keinesfalls.

00:24:47: Vielen Dank, unser Podcast erscheint wie immer am letzten Tag des Monats.

00:24:52: Morgen beginnt der September und damit auch der Herbst.

00:24:55: Deshalb zum Abschluss eine persönliche Frage, die ich meine Gäste immer stelle.

00:25:00: Wir stehen bei Ihnen im September im Kalender.

00:25:03: Sie leben und arbeiten selbst als Journalist und Redaktor in Exil.

00:25:07: welche beruflichen oder persönlichen

00:25:14: Pläne

00:25:14: haben

00:25:15: sie?

00:25:16: Normalerweise gilt der August für viele Berufstätige als eher ruhiger Monat.

00:25:22: Bei Journalisten ist das allerdings häufig anders, in Russland gibt es sogar das Klischee vom August als einem schwarzen Monat, indem besonders viele einschneidende negative oder schockierende Ereignisse passieren.

00:25:37: Auch in diesem August haben wir sehr intensiv gearbeitet.

00:25:41: die Nachrichtenlage fühlt sich überhaupt nicht nach Sommer an.

00:25:45: Fast jeden Tag gibt es in Russland neue Angriffe, brennende Lagerhäuser, Drohneinschläge, Benzinknappheit, politische Veränderung, Festnahmen und vieles mehr.

00:25:56: Es fühlt sich eher nach dem Höhepunkt des politischen Jahres als nach August an.

00:26:02: Deshalb ist schwer vorher zu sagen was im September passieren wird.

00:26:07: Vielleicht wird sich die Situation unmittelbar vor den Wahlen etwas beruhigen, weil die Behörden versuchen werden eine gewisse Normalität herzustellen.

00:26:17: In unserer Redaktion rechnen wir allerdings damit dass ich die Lage im Herbst möglicherweise bereits im September nach den Walen oder Anfang Oktober weiter verschärfen könnte.

00:26:31: Denkbar sind zusätzliche Repressionen nach Abschluss der Wahlen möglicherweise Entwicklungen rund um eine Mobilisierung oder Veränderungen an der Front.

00:26:42: Wir bereiten uns also nicht unbedingt auf besonders gute Nachrichten vor, natürlich hat trotzdem jeder seine persönlichen Pläne.

00:26:50: bei mir steht beispielsweise bereits fest dass ich zu einer wissenschaftlichen Konferenz in die USA reisen werde.

00:26:59: neben meiner journalistischen Arbeit beschäftige ich mich auch mit Soziologie und Promoviere in diesem Bereich.

00:27:06: Auf der Konferenz werde ich meine wissenschaftliche Arbeit vorstellen.

00:27:10: Das ist eine größere Reise, auf die ich mich entsprechend vorbereite.

00:27:20: Alles Gute und vielen Dank!

00:27:23: Vielen Dank!

00:27:30: Mein Gast war Arnold Ratschaturov, Redaktor bei der Novae Gazeta Europa.

00:27:38: Wir freuen uns über jede Spende mit der Sie diesen Podcast unterstützen.

00:27:42: Damit helfen sie vor allem unabhängige und kritische Stimme aus Russland zu stärken, um ihre journalistische Arbeit im Exil zu ermöglichen.

00:27:52: Wiedersehen und tschüss!

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