Unser Fenster nach Russland: Was kommt nach den Wahlen in Russland?

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00:00:09: Heute ist der dreißigste September, der letzte Tag des Monats und das bedeutet dass wir im Podcast freie Rede der Tatspanter Stiftung sprechen.

00:00:18: Wir blicken dorthin wo der Zugang zur Information immer schwieriger wird.

00:00:22: heute öffnen wir das Fenster nach Russland.

00:00:26: mein Name ist Tigran Petrosian.

00:00:27: ich leite die Osteuropa Projekte der Tatzpanther Stiftungen.

00:00:33: Im September hat Russland gewählt.

00:00:35: Die Regierungspartei Einiges Russland von Vladimir Putin hat die Wahl erneut gewonnen.

00:00:41: Eine Überraschung war das für niemanden!

00:00:44: Doch uns interessiert vor allem, was kommt danach?

00:00:48: Was bedeuten diese Wahlen für Russland und welche Entwicklungen sind jetzt zu erwarten?

00:00:53: Darüber spreche ich heute mit Maxim Kurnikov dem Chefredaktor von ECHO Radio Echo einem kritischen russischsprachigen Exilmedium Midsitz in Berlin.

00:01:12: Was ist für Sie das wichtigste Ereignis dieser Wahlen?

00:01:15: Was haben sie in Russland insgesamt verändert?

00:01:32: Für uns war es eine große Herausforderung, über dieses Ereignis zu berichten.

00:01:37: Denn schon das Wort Wahlen setzt in einem bestimmten Kontext voraus ein bestimmtes Verfahren und dieses Verfahren wurde in Russland natürlich nicht eingehalten.

00:01:47: Deshalb waren wir jedes Mal wenn wir das Wort wahlen verwendet haben sehr vorsichtig denn damit bezeichnen wir gewissermaßen etwas als Wahlen dass keine Wahlen sind.

00:01:57: Weder Parteien noch Kandidaten wurden zugelassen, die teilnehmen wollten und deren Position auch in irgendeiner Weise von der Diskremensabwicht.

00:02:07: Alle Parteien, die Teil nehmen unterstützen auf die ein oder andere Weise den

00:02:11: Kreml.".

00:02:12: Man kann das wahrscheinlich mit den Wahlen vergleichen, die zur DDR-Zeiten stattfanden?

00:02:17: Vergessen wir nicht!

00:02:18: Das Vladimir Putin seine Jugend genau hier verbracht hat….

00:02:21: Und in vielerlei Hinsicht hat er natürlich versucht, dieses Modell in dem Land wieder herzustellen das er heute regiert.

00:02:29: Wenn wir von Wahlen sprechen wissen wir ungefähr wie man sie beobachtet und wie man Stimmen auszählt doch diesmal weicht das Ergebnis dieser sogenannten Wahlen so stark von dem ab was die Umfragen gezeigt haben selbst von den offiziellen Umfragen der russischen Behörden.

00:02:46: Es entspricht auch nicht den unabhängigen Exit-Polz, die wir auf die ein oder andere Weise durchzuführen versucht haben.

00:02:53: Und es entspürt ebenso wenig dem Abstimmungsverhalten in den Wahllokalen im Ausland – zum Beispiel hier in Berlin, in Belgrad und an anderen Ländern.

00:03:02: Die Unterschiede sind so groß, dass auch das einiges aussagt!

00:03:06: Deshalb können wir sagen, dass diese Abstimmung die Legitimität der Staatsduma erheblich untergräbt und das Vertrauen dieser Institution insgesamt stark

00:03:14: beschädigt.".

00:03:16: Zwei Tausend Elf gab es ein ungefähr vergleichbares Ausmaß beim Erfinden beziehungsweise Umschreiben von Wahlergebnissen.

00:03:24: Damals konnte man allerdings noch protestieren und hunderttausende Menschen gingen auf die Straße, das wurde für die Macht aber tatsächlich zu einer sehr ernsten Krise.

00:03:34: Heute sind sowohl die Gesetzgebung als auch die Realität in Russland so dass es praktisch unmöglich ist dagegen auf die Strasse zu gehen und zu protestieren.

00:03:42: Gleichzeitig sehen wir, dass das Regime von Vladimir Putin solche Situation immer dazu nutzt um zu sagen schaut die Menschen unterstützen uns.

00:03:51: Die Menschen wollen, dass wir das tun was wir tun also werden wir das was wir tun noch entschlossen dann noch schärfer noch härter fortsetzen.

00:04:01: wenn man also fragt was unter dem strich danach kommen wird Dann wird es höchstwahrscheinlich eine weitere Verschärfung des Regimes, eine Zunahme der Repression und eine Eskalation des Krieges geben.

00:04:13: Ziehen Sie daraus Ihre eigenen Schlüsse!

00:04:15: Das Regime von Vladimir Putin wird dieses Ergebnis als Mandat interpretieren – als Vertrauen darin das vorzusetzen was es bisher getan hat und dieses Vorgehen noch zu

00:04:25: verstärken.".

00:04:33: Sie haben bereits über Protest gesprochen und gerade das Thema Repression angesprochen.

00:04:38: Lassen sie uns über diese Punkte noch einmal einzeln sprechen?

00:04:42: Schon vor den Wahlen war ja absehbar, dass es so zu einem solchen Szenario kommen könnte!

00:04:49: und da stellt sich auch die Frage, warum organisiert der Kreml überhaupt solche Wahlen?

00:04:55: Aber gehen wir die einzelne Punkte nacheinander durch zum Beispiel dem Protest.

00:04:59: Die Opposition hatte zu einem Protestaktion aufgerufen.

00:05:04: Alle sollen um zwölf Uhr zur Wahl gehen, um einander zu sehen und damit auch einen Zeichen zu setzen.

00:05:11: Können Sie erklären warum es bei dieser Aktion ging?

00:05:14: Und lässt sich darin etwas Positives oder vielleicht sogar ein Grund für Optimismus sehen als ein alternativer Form des Protestes?

00:05:28: Es ist zunächst sehr wichtig dass wir uns darüber verständigen wen wir überhaupt als Opposition bezeichnen.

00:05:33: Wenn man von der klassischen Definition ausgeht, ist die Opposition eine politische Kraft, die um die Macht kämpft sich im Land befindet und diesen Kampf meistens mit legalen manchmal aber auch mit illegalen oder konspirativen Mitteln führt.

00:05:46: Eine Opposition, die innerhalb Russlands um die macht kämpfte gibt es jedoch praktisch nicht mehr.

00:05:52: Mit gewissen Einschränkungen könnte man vielleicht die Partei Jablako als oppositionell bezeichnen Aber sie wurde nicht zu den Wahlen zugelassen.

00:06:01: Diejenigen, die Russland verlassen haben würde ich dagegen eher den Widerstand zu rechnen oder als Kritiker des Regimes bezeichnen.

00:06:09: Doch aus dem Ausland können sie nicht um die politische Macht in Russland kämpfen.

00:06:13: Sie selbst betonen zudem dass es keinen einzelnen politischen Anführer gibt der all diese Kräfte vereinen könnte.

00:06:21: Man muss also eine gewisse Zersplitterung dieser Kräften feststellen.

00:06:25: Häufig fehlt ihnen eine gemeinsame Strategie.

00:06:28: Deshalb kann man nicht sagen, dass sich alle Putin-Gegner darauf verständigt hätten um zwölf Uhr zur Wahl zu gehen.

00:06:35: Bei den sogenannten Wahlen im Jahr hier im Jahr ist es auch so, als Putin seine Amtszeit erneut verlängerte war die Mobilisierung wesentlich größer.

00:06:44: Damals waren tatsächlich vor den Wahllokalen in allen europäischen Hauptstädten warte Schlangen zu sehen und nicht nur dort sondern überall auf der Welt.

00:06:53: Das war deutlich sichtbar!

00:06:54: Diesmal dagegen gab es nur in wenigen Städten Warteschlangen, etwa in Jirewahn oder Belgrad.

00:07:00: Insgesamt war dieser Protest-Enthusiasmus bei denjenigen die im Ausland leben nicht mehr im gleichen Maße vorhanden.

00:07:08: Diejenigen die innerhalb Russlands leben sind wiederum der Art eingeschichtet das sie vermutlich versuchen nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

00:07:17: Deshalb war die Aktion um zwölf Uhr Mittag gegen Putin, wie sie genannt wird – diesmal keine besonders sichtbare oder erfolgreiche Aktion.

00:07:27: Und bei den Begriffen sichtbar und erfolgreich setzen wir hier gewissermaßen ein Gleichheitszeichen.

00:07:32: Warum?

00:07:33: Weil natürlich niemand der Illusion unterliegt dass man mithilfe von Wahlen in Russland das politische Regime beeinflussen oder einen Machtwechsel herbeiführen könnte.

00:07:43: Da das Ergebnis im Voraus bekannt ist, kämpfen sowohl die Gegner Putins als auch die Machthaber vor allen Dingen um Eins – um Eindruck.

00:07:52: Und dieser Eindruck ist das Entscheidende!

00:07:55: Was müssen die beiden Seiten bei solchen Pseudo-Wahlen erreichen?

00:07:59: Die Machthabern müssen zeigen wir haben demokratische Verfahren Wir führen diese demokratischen Verfahren durch und das Volk unterstützt uns dabei.

00:08:08: Die Gegner der Machthaber wiederum wollen zeigen, dass dieses Verfahren in Wirklichkeit undemokratisch ist.

00:08:14: Dass niemand, der sich der Macht tatsächlich entgegenstellt zu diesen Wahlen zugelassen wird und das es viele Menschen gibt die gegen diese Macht

00:08:23: sind.

00:08:24: Genau das müssen die Gegner des Machthabers zeigen!

00:08:28: In diesem Zusammenhang ist die Partei Jablaka ganz interessant.

00:08:32: Sie

00:08:32: war zunächst zu den Wahlen zugelassen worden, gewann dann aber innerhalb kürzester Zeit enorm an Popularität.

00:08:39: Ich möchte daran erinnern – in den vergangenen zwanzig Jahren hatte Jablaka nie mehr als drei Prozent erreicht und dann zeigten Umfragen plötzlich Werte von bis zu achtzehn Prozent.

00:08:51: Die Machthaber sahen sich darauf gezwungen, Jablaker aus dem Rennen zu

00:08:55: nehmen.".

00:08:57: Das war gewissermaßen ein Zwischenerfolg im Kampf um die öffentliche Wahrnehmung, denn auch Menschen, die eigentlich unpolitisch sind und lediglich soziale Netzwerke nutzen haben das bemerkt.

00:09:08: Dass Jabalaka ausgeschlossen wurde, entwickelte sich ungefähr einen Monat zu einem der zentralen Themen des Wahlkampfes.

00:09:16: Das sieht nicht unbedingt nach einer Schwäche der Machthaber aus aber es zeigt dass sie reagieren mussten.

00:09:22: Sie mussten etwas unternehmen um einen Weg zu finden, diese Partei aus dem Rennen zu nehmen.

00:09:28: Das ist vielleicht der einzige Punkt bei dem es im Kampf um die öffentliche Wahrnehmung gelungen ist, die Partei der Macht zu übertrumpfen.

00:09:36: Jetzt werden wir sehen ob auch die Veröffentlichungen über mögliche Fälschungen im Nachhinein noch eine Rolle spielen werden.

00:09:42: Insgesamt ist es den Machthabern jedoch gelungen das Bild zu vermitteln.

00:09:46: Wir sitzen hier, wir kontrollieren alles – das Volk unterstützt uns!

00:09:51: Wir werden sehen, ob die Bevölkerung selbst daran glaubt oder nicht.

00:09:54: Aber die Machthalber scheinen jedenfalls daran zu

00:09:57: glauben.".

00:10:04: Die Machthaber haben jetzt eine Verfassungsmehrheit im Parlament erreicht.

00:10:08: Die Gesetze konnten sie ohnehin schon weitergehen nach ihren Vorstellungen... gestalten.

00:10:14: Immerhin!

00:10:15: Und es bleibt die Frage, was wird nach diesen Wahlen passieren?

00:10:19: Der Krieg geht weiter... In den vergangenen Tagen sehen wir weiterhin ukrainische Drohendehen Richtung Russland fliegen.

00:10:26: Glauben Sie dass der Krieg jetzt anders verlaufen wird oder hat das mit den Wahlen überhaupt nicht zu

00:10:32: tun?!

00:10:33: Könnte es zum Beispiel eine Mobilmachung gehen und andere Entwicklungen in diese Richtung?

00:10:44: Das ist eine sehr wichtige Frage, denn diese Wahlen richten sich nicht nur an ein Publikum im eigenen Land.

00:10:50: Sie haben nicht nur eine Botschaft nach Innen sondern auch nach Außen.

00:10:54: Diese Wahlen werden gewissermaßen für uns veranstaltet – für diejenigen, die hier in Deutschland

00:10:59: sitzen.".

00:11:11: Wenn man sich ansieht, welchen Platz Russland in der Welt einzunehmen versucht dann hat das Land immer versucht gewissermaßen zwischen Demokratien und Autokratin zu stehen.

00:11:20: Und nach Außendemokratie zu demonstrieren.

00:11:23: schaut wir haben Wahlen wie ihr.

00:11:25: Wir sind genauso wie Ihr.

00:11:27: Gleichzeitig zwingt Russland den Autokraten in Ländern wie China, Nordkorea oder Iran gewissermaßen zu und sagt schaut wir verstehen sehr gut das Wahlen eigentlich nicht unser Ding sind.

00:11:39: Und dass wir sie nicht brauchen.

00:11:41: aber Wir werden all diese westlichen Instrumente so einsetzen Dass wir damit die Westler selbst hereinlegen Denn wir wissen schließlich dass wir die Macht trotzdem behalten.

00:11:53: In

00:11:53: diesem Sinne ist auch das, was wir jetzt sehen ein Zwingkern in beide Richtungen.

00:11:58: Menschen die die Situation in Russland nicht besonders gut kennen könnten sagen schaut die Mehrheit dort unterstützt die Partei der Macht die für den Krieg ist also unterstützt Die russische Bevölkerung Den Krieg.

00:12:10: Auch auf diese Weise lässt sich Diese Botschaft vermitteln.

00:12:14: Gleichzeitig sehen wir aber, dass viele sogenannte unpopuläre Entscheidungen, also Entscheidungen die bei der Bevölkerung nicht gut ankommen auf die Zeit nach den Wahlen verschoben wurden.

00:12:25: Russland befindet sich derzeit in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage.

00:12:29: Der russische Staat muss von seinen eigenen Bürgern immer mehr Geld einnehmen, um seine Militärausgaben zu finanzieren.

00:12:37: So steigen beispielsweise die Kosten für Wohnen, Heizen und Strom erheblich – und wissen Sie, für welches Datum diese Erhöhungen angesetzt wurden?

00:12:46: Für den ersten Oktober!

00:12:48: Das heißt, zuerst finden die Wahlen statt und danach werden die Menschen mit Tarifen konfrontiert, die teilweise fast anderthalb oder doppelt so hoch sind wie zuvor.

00:12:59: Das ist natürlich sehr bezeichnend.

00:13:01: Es zeigt, dass solche Entscheidungen tatsächlich auf die Zeit nach den Wahlen verschoben werden.

00:13:06: Deshalb sind auch die Gerüchte über eine Mobilmachung sehr verbreitet – viele Menschen erwarten tatsächlich das es eine Mobil-Machung geben könnte.

00:13:13: Mehrere Bekannte von mir, die in Russland leben haben ihren Urlaub bewusst auf die zeit nach den Walen gelegt damit sie das Land verlassen und diese Phase anderswo abwarten können für den Fall, dass es tatsächlich zu einer Mobilmache kommt.

00:13:27: Wir wissen nicht, ob sie kommen wird oder nicht.

00:13:30: Aber wir wissen einige andere Dinge.

00:13:33: Erstens haben sich die Behörden gesetzgeberisch und organisatorisch auf eine solche Mobilmachung vorbereitet.

00:13:40: Technologisch verfügen Sie inzwischen über die notwendigen Möglichkeiten, sie durchzuführen.

00:13:46: Zweitens werden Sie die Fehler der Mobilmache von Jahrzehntzwanzig mit Sicherheit nicht wiederholen.

00:13:52: Sie werden eine Mobilmacherung nicht mehr so breit ankündigen.

00:13:55: Stattdessen werden sie versuchen, still und leise diejenigen Menschen einzuziehen von denen Sie inzwischen wissen dass sie sie einziehen können.

00:14:04: Und drittens unabhängig davon ob es tatsächlich zu einer Mobilmachung kommt oder nicht, sie ist bereits zu einem Faktor geworden an dem die Menschen ihre Lebensentscheidungen ausrichten.

00:14:15: Ich war in Belgrad und kann Ihnen mit Sicherheit sagen Es gibt eine neue Welle von Menschen, die Russland verlassen und den Länder reisen für die sie keinen Visum benötigen.

00:14:25: Also dort wo sie kein Schengenvisum brauchen nach Armenien Serbien oder Georgien.

00:14:31: Es gibt wieder einen Zustrom von Menschen aus Russland, die Angst vor einer Eskalation und vor einer möglichen Mobilmachung haben.

00:14:43: Ich kann zu Armenien noch etwas ergänzen.

00:14:46: Kasachstan lieferte inzwischen ebenfalls Dysidenten und Aktivisten aus, dadurch ist Armenien gewissermaßen so ein der Zufluchtorte für russische Antikriegsaktivisten und generell für Menschen geworden die nicht zur Armee wollen.

00:15:00: Auch in Armenien ist die Situation inzwischen ähnlich wie zu Beginn des Krieges.

00:15:05: es gibt kaum noch freie Wohnungen aber auch Hotelzimmer.

00:15:08: gleichzeitig stellt sich eine weitere Frage Wenn man Russland jetzt verlässt, wie lange kann man tatsächlich in Armenien oder auch in Serbien bleiben?

00:15:18: Irgendwann geht das Geld aus.

00:15:20: Dann muss man Arbeit finden oder möglicherweise zurückkehren und auch die Möglichkeiten in ein Drittes Land weiterzuziehen sind begrenzt.

00:15:29: In der Europäische Union zu kommen ist für viele ebenfalls schwierig.

00:15:33: Die Frage ist also, wie viel davon ist auch Panik?

00:15:36: Diejenigen, die Möglichkeit hatten, Russland zu verlassen, sind zum Teil bereits gegangen.

00:15:41: andere versuchen jetzt im Ausland Arbeit und einem Ort zu leben zu finden, aber nicht jeder hat überhaupt die Möglichkeit Russland zu verlassen.

00:15:50: Und genau darin liegt das Problem.

00:15:57: Das

00:15:57: ist ein sehr wichtiges Thema!

00:15:59: Wir untersuchen gerade Chats von Menschen, die beispielsweise nach Serbien ziehen.

00:16:03: Dort gibt es Gruppen in denen sie sich gegenseitig helfen.

00:16:07: Tausende Menschen tauschen sich dort ständig miteinander aus.

00:16:11: Wir sehen, dass die Menschen dieser neuen Ausreisewelle deutlich weniger wohlhabend sind als diejenigen, die es in den Jahr- und Jahrzehnten ging.

00:16:20: Sehr häufig handelt es sich um sehr junge Menschen, die kaum Erfahrung mit einem freien selbstständigen Leben haben.

00:16:26: Ihre Eltern schicken sie weg!

00:16:28: Sie sind achtzehn oder neunzehn Jahre alt.

00:16:30: Die Eltern haben Angst, dass ihre Kinder einfach zur Armee eingezogen werden Oder die Eltern sehen, dass ihre Kinder frei aufgewachsen sind und offen sagen was sie denken.

00:16:41: Sie fürchten, dass sie deshalb beispielsweise an der Universität Probleme bekommen könnten.

00:16:45: Deshalb ziehen sie es vor, ihre Kinder im Ausland studieren zu lassen Aber ein Schengenwiesung zu bekommen ist schwierig.

00:16:52: Also schicken sie ihre Kinder beispielsweise nach Serbien Und weil das Leben in Europa teuer ist Gehen sie nach Serbian, Armenien oder Kasachstan.

00:17:01: Hauptsache sie können ihr Kind irgendwie in Sicherheit bringen.

00:17:05: Verstehen Sie, wie weit wir in unserer Entwicklung zurückgeworfen worden sind?

00:17:09: Menschen leben in einem großen reichen Land mit Öl-, Gas- und all diesen Ressourcen.

00:17:15: Und sie müssen sich trotzdem Gedanken darüber machen, wie sie ihr Kind in Sicherheit bringen können indem sie weit weg ins Ausland gehen.

00:17:23: Ich spreche noch gar nicht davon was in der Ukraine passiert von diesem Schrecken den Russland dort Nacht für Nacht anrichtet.

00:17:30: Es ist erstaunlich, wie weit wir innerhalb von fünf oder zehn Jahren in unserer Entwicklung zurückgeworfen worden sind.

00:17:36: Bis heute kann ich es kaum

00:17:37: begreifen.".

00:17:54: und nicht nur über die Wahlen.

00:17:56: Und da bleibt eine Frage, die ich seit Jahren ... Seit vier, drei Jahren den Redakteurinnen und Journalisten große sprachige Medien im Exilsstelle.

00:18:08: Wie erreichen Sie heute Ihre Leser- und Hörer in Russland?

00:18:12: Sie bekommen weiterhin sehr viele Informationen, Daten und Materialen aus dem Land.

00:18:16: Wie eng ist diese Verbindung

00:18:18: noch?".

00:18:19: Es heißt immer wieder, dass der Kontakt zu den Menschen in Russland mit der Zeit schwächer werde.

00:18:26: Wenn ich aber sehe wie intensiv sie arbeiten und wie viele Informationen Sie veröffentlichen, entsteht ein anderer Eindruck – Wie gelingt es Ihnen diese Verbindung aufrechtzuhalten?

00:18:37: Und muss ja bis

00:18:39: nicht erbeten!

00:18:42: Wissen Sie, paradoxerweise ist Berlin heute die wichtigste Stadt der Welt für den russischen Journalismus.

00:18:48: Es gibt keine andere Stadt dieser Art.

00:18:50: Nicht einmal Moskau ist heute einen Ort, an dem es so viele Experten gibt und durch den so viele Menschen kommen die ins Studio kommen und Fragen beantworten können.

00:19:00: Darüber hinaus befinden wir uns hier im Ausland in einer wesentlich besseren Lage als unsere Kollegen in Russland wenn wir bestimmte Informationen erhalten.

00:19:08: Manchmal können unsere Kollegen in Russland diese Informationen nicht veröffentlichen oder öffentlich darüber sprechen, weil sie dafür sofort ins Gefängnis kommen würden.

00:19:17: Wir dagegen können diese Informationen öffentlich und frei diskutieren und veröffentlichten.

00:19:23: Wir hatten zum Beispiel einen Beitrag der auf einem Datenleck aus der Datenbank des Menschenrechtsbeauftragten der russischen Föderation basierte – wir erhielten Zugang zu dieser Datenbank.

00:19:35: Dafür musste nicht einmal etwas gehackt werden!

00:19:37: Die Daten waren direkt über die Website zugänglich.

00:19:41: Man musste lediglich herausfinden, wie über welche Adresse man darauf zugreifen konnte.

00:19:48: So konnten wir mehr als zehntausend Dokumente analysieren, die dort hochgeladen worden waren und auf Grundlage dieser Datenbank darüber berichten was wir herausgefunden hatten.

00:19:57: Nicht Wir haben dieses Datenleg entdeckt sondern Menschen in Russland.

00:20:01: Sie hatten jedoch Angst selbst mit diesen Daten zu arbeiten.

00:20:04: Dank ihrer Hinweise konnten wir das Material schließlich analysieren.

00:20:08: Am Ende sorgte dieser Beitrag weltweit für großes Aufsehen, erschien auf der Titelseite der New York Times.

00:20:15: Mit Hilfe dieser durchgesickerten Daten konnten wir erkennen welchen enormen Schaden dieser Krieg der russischen Wirtschaft und der rossischen Gesellschaft zufügt.

00:20:24: Wenn Sie sich erinnern, noch vor einem oder anderthalb Jahren war die Auffassung ziemlich verbreitet das Russland diesen Krieg im Großen und Ganzen relativ leicht verkraftet und über enormen Ressourcen verfügt.

00:20:36: Natürlich sterben Menschen aber Russland verfüge über größere Reserven

00:20:39: usw.,

00:20:40: so lautete diese Vorstellung.

00:20:43: Durch diese Daten haben wir jedoch verstanden, dass der Schaden in Wirklichkeit enorm ist und das die russische Gesellschaft, die Menschen im Russland durch diesen Krieg extrem belastet sind.

00:20:54: Der Krieg ist das größte Problem, was es im Land gibt – und er betrifft buchstäblich jeden!

00:21:00: Durch diese Informationen haben wir das verstanden und darüber berichtet.

00:21:05: Dadurch hat sich auch die internationale Wahrnehmung dieses Problems grundlegend verändert.

00:21:11: In gewisser Hinsicht ist es für uns deshalb je leichter zu arbeiten.

00:21:15: Hinzu kommt, dass Berliner eine Stadt ist in die weiterhin Menschen aus Russland kommen solange sie diese Möglichkeit noch haben.

00:21:22: Außerdem reise ich durch die Welt und treffe mich in visafreien Ländern mit Menschen, die aus Russlands kommen.

00:21:28: Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, in der es das Internet und soziale Netzwerke gibt.

00:21:34: Wenn wir unsere Situationen mit der Immigration aus der Sowjetunion vergleichen befinden wir uns deshalb in einer wesentlich privilegierteren Lage.

00:21:42: Wir stehen ständig mit Menschen in Verbindung, die sich innerhalb Russlands befinden.

00:21:47: Gleichzeitig sehen wir anhand der Zugriffszahlen auf unserer Website, unsere Podcastplattform und unseren YouTube-Kanal das sich der größte Teil unseres Publikums weiterhin um Russland befindet.

00:21:59: Wir arbeiten aus dem Ausland aber wir arbeiten hauptsächlich für Menschen, die in Russland leben.

00:22:04: Das bringt natürlich andere Schwierigkeiten mit sich.

00:22:07: Wenn sich der größte Teil deines Publikums in Russland befindet und du dieses Publikum nicht monetarisieren kannst, entstehen finanzielle Herausforderungen.

00:22:16: Wir sind deshalb auf diejenigen angewiesen, die hier im Ausland leben

00:22:19: –

00:22:19: darauf dass sie uns unterstützen, unsere Produkte kaufen oder zu unseren kostenpflichtigen Veranstaltungen kommen.

00:22:27: Das macht fünfzig Prozent unseres Budgets

00:22:29: aus.".

00:22:33: Vielen Dank, wenn ich es richtig verstehe.

00:22:35: Sieht ihr Team hauptsächlich in Berlin?

00:22:42: Unser Kern sitzt in Berlin aber nicht der größte Teil des Teams.

00:22:45: Unsere Studio befindet sich in Berlin.

00:22:48: Wir senden über eine App die auch in Russland verfügbar ist.

00:22:51: Als Radiosender senden wir beispielsweise in Estland auf russisch.

00:22:55: Außerdem senden wie unsere Website und über YouTube.

00:22:58: Wir sind also auf verschiedenen Plattformen vertreten.

00:23:01: Der eigentliche Sendebetrieb befindet sich hier in Berlin.

00:23:04: Und unsere übrigen Kollegen, die Nachrichtenredaktion und unsere Journalisten sind über die ganze Welt verteilt.

00:23:28: Sie haben sich dann aber entschieden, Moskau aus dem Namen zu streichen und nur noch Radio-Echo zu heißen.

00:23:37: Hatte das damit zu tun dass sie nicht mehr mit Moskow oder dem Kremel in Verbindung gebracht werden wollten?

00:23:48: Als wir gerade hier im Ausland angekommen waren schien es uns als sei Echo Moskvier etwas das bereits zerstört worden war etwas, das bereits gestorben war und sich leider nicht mehr wieder herstellen ließ.

00:24:00: Als ich dann für uns die Möglichkeit ergab, wieder was aufzubauen, dass einem Radiosender ähnelte und wir verstanden, dass es dafür einen Bedarf gab überlegten wir wie wir dieses neue Medium nennen sollten.

00:24:12: Ein großer Teil der Menschen, die unser neues Medium Radio Echo aufgebaut haben kam von Echo Moskvee.

00:24:19: Gleichzeitig wussten wir, dass es ein riesiges Publikum gibt das bis heute jeden Tag in Suchmaschinen nach genau diesem Namen sucht.

00:24:27: Echo Mosquee also Echo von Moskau.

00:24:30: Deshalb dachten wir, das ist wahrscheinlich richtig wäre uns Echo zu nennen.

00:24:35: Einerseits ist es ein anderer Name Es ist nicht mehr Echo Mosquere.

00:24:38: Andererseits bleibt natürlich die Verbindung zum früheren Sender bestehen, weil ein großer Teil der Menschen, die bis heute bei uns Sendungen hören und machen und deren Beiträge wir in unserem Programm zusammenführen, früher dort gearbeitet haben.

00:24:52: Insgesamt haben wir es vielleicht sogar ein wenig bereut kein völlig neuen Namen gewählt zu haben.

00:24:57: Denn die Verbindung zu dem was früher war wirkt sich manchmal positiv und manchmal negativ aus.

00:25:04: Aber das Wichtigste für uns ist letztendlich das Publikum und wir sehen bis heute, dass Menschen auf unsere Website gelangen weil sie nach Echo Moskver suchen.

00:25:12: Menschen sind in solchen Dingen sehr konservativ.

00:25:16: so wie Sie sich einen Namen einmal gemerkt haben geben Sie ihn auch weiterhin ein.

00:25:22: im Grunde sind wir aber ein neues Medium.

00:25:24: angefangen haben wir als eine Art Aggregator.

00:25:27: Wir haben zunächst die Journalisten zusammengebracht, die früher bei Echo beziehungsweise Echo Mosquer gearbeitet hatten zu einem gemeinsamen Audio Stream zusammengeführt und daraus eine Art Radiosender gemacht.

00:25:41: Inzwischen sind wir aber deutlich mehr als das!

00:25:43: Wir haben eine sehr gute Nachrichtenredaktion, veröffentlichen regelmäßig investiative Recherchen und produzieren viele eigene Sendungen.

00:25:51: Wir haben uns inzwischen also in eine andere Richtung entwickelt als Echo Moskvier

00:25:55: damals.".

00:26:02: Diese Podcast erscheint am letzten Tag des Monats, deshalb können Sie zum Abschluss vielleicht auch etwas persönliche antworten.

00:26:10: Was werden Sie Maxim im Oktober machen?

00:26:14: steht etwas besonders in Ihrem Kalender.

00:26:16: Das ist meine letzte Frage bei den Wahl, es ist bereits deutlich geworden da sie nicht besonders optimistisch sind und in diesem Prozess weniger Positives sehen aber vielleicht gibt es etwas in ihrem Kalender für Oktober auf das Sie sich freuen.

00:26:37: Wir haben für Oktober einiges geplant.

00:26:40: Erstens hoffe ich, dass wir im Oktober zwei neue Sendungen starten werden von denen ich sehr hoffe, dass sie erfolgreich werden.

00:26:47: Zweitens haben wir einen Buchverlag gegründet.

00:26:50: Unser Verlag existiert inzwischen seit mehr als einem Jahr und wir hatten das größte Glück relativ schnell auf diesem Markt Fuß zu fassen.

00:26:57: Eines unserer Bücher hat den wichtigsten Buchpreis in russischer Sprache gewonnen.

00:27:01: Im Oktober wird dieser Preis erneut vergeben und ich hoffe, dass wir wieder zu den Anwärtern gehören werden.

00:27:08: Wir haben außerdem begonnen viele Bücher die wir für wichtig halten und die ursprünglich auf Englisch erschienen sind ins russische zu übersetzen.

00:27:15: im oktober werden bei uns mehrere bücher erscheinen die meiner Meinung nach sehr wichtig sind und die ob sie es glauben oder nicht hoffentlich sogar Einfluss auf die Verhandlungen haben könnten.

00:27:26: Eines dieser Bücher könnte meiner Ansicht nach auch tatsächlich Einfluss auf die Verhandlungen haben.

00:27:31: Ich

00:27:31: kann den Titel bereits nennen, denn das Buch ist schon in der Druckerei – ich muss also keine Angst mehr haben, dass es doch nicht erscheint!

00:27:38: Es ist ein Buch des ukrainischen Historikers Sede Plokhi.

00:27:43: Er hat es auf Englisch geschrieben.

00:27:45: Das Buch heißt Yalta.

00:27:46: Es handelt von der Konferenz von Yalta Davon welche Zugeständnisse der besten Stalin machte, was er dadurch erreichte und wo er letztlich verlor.

00:27:58: Indem er diese Zugestände

00:27:59: machte.".

00:28:01: Ich halte das heute für ein sehr wichtiges Buch.

00:28:04: Es kann dazu beitragen diejenigen die diese Verhandlungen führen werden an die historischen Lehren zu erinnern.

00:28:11: Und wenn wir über Oktober sprechen muss ich noch ein weiteres Buch erwähnen dass bei uns erschienen ist Eine Graphic Novel von Andrew Weiss und Brian Brown die wir ins Russische übersetzt haben.

00:28:22: Sie heißt das Leben und die Lügen Vladimir Putins, der zufällige Zahr!

00:28:28: Für mich ist es ein neues Genre.

00:28:31: ich habe mich früher nie besonders für Graphic Novels interessiert aber es ist ein beeindruckendes Buch dass meiner Meinung nach sehr gut zeigt wie sich in den vergangenen zwanzig Jahren die Vorstellungen der russischen Gesellschaft von der Welt.

00:28:46: Ich glaube, dass dieses Buch gerade der jüngeren Generation helfen kann zu verstehen wie wir in diese Situation geraten sind, in der wir uns heute befinden.

00:28:55: Für uns sind Bücher außerdem eine Möglichkeit Geld zu verdienen – das ist ein wichtiger Bereich für uns!

00:29:00: Ich hoffe, dass wir mit diesen Büchern die richtige Wahl getroffen haben.

00:29:16: Mein Gast war Maxim Gurnikov, Chefredakteur von Radio Echo.

00:29:21: Wir freuen uns über jede Spende mit der Sie diesen Podcast unterstützen.

00:29:27: damit helfen sie uns vor allem unabhängigen und kritischen Stimmen aus Russland gehört zu verschaffen um ihre journalistische Arbeit im Exil zu ermöglichen.

00:29:37: Wiedersehen und tschüss!

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